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Das Wissen (SWR)
Polen rüstet auf – Auf dem Weg zur stärksten Armee der EU
Mon, 14 Sep 2026 08:30:00 +0200 - Quelle: Beast-GPU-Whisper (https://swr-dl.ard-mcdn.de/swr/swrkultur/wissen/sendungen/wissen/polen-ruestet-auf-auf-dem-weg-zur-staerksten-armee-der-eu.b78.t54.mp3)
Kurzfassung
Polen investiert derzeit mehr als jedes andere NATO-Land in seine Streitkräfte – 4,7 Prozent des BIP (rund 43 Milliarden Euro) im Haushalt 2025 – und strebt eine Armee von 300.000 Soldaten an. Hintergrund ist die geografische Nähe zur Ukraine, historische Erfahrungen mit Fremdherrschaft und ein wachsendes Misstrauen gegenüber der Verlässlichkeit der USA unter Trump. Polen verfolgt dabei einen zweigleisigen Ansatz: enge Bindung an Washington durch US-Rüstungskäufe einerseits, Ausbau europäischer Sicherheitspartnerschaften andererseits. Verteidigungsbereitschaft gilt in Polen parteiübergreifend und gesellschaftlich breit als selbstverständliche Aufgabe – ein Konsens, der sich bis in Schulen, Freiwilligenverbände und zivile Schießkurse zieht.
Wichtigste Punkte
- Rüstungsausgaben: Polen plant 2025 Verteidigungsausgaben von 4,7 % des BIP (~43 Mrd. Euro) – ohne Sondervermögen, der höchste Anteil aller NATO-Staaten
- Truppenstärke: Derzeit ~220.000 Berufssoldat:innen (drittgrößte NATO-Armee nach USA und Türkei); Ziel: 300.000
- Rechtliche Grundlage: Das „Gesetz über die Verteidigung des Vaterlandes" wurde im März 2022 ohne Gegenstimme verabschiedet; es bündelt Militärgesetzgebung und legt den Truppenaufwuchs fest
- Territoriale Heimatarmee (WOT): 2017 gegründet, in jeder Woiwodschaft vertreten; Mischung aus 10 % Hauptamtlichen und 90 % Freiwilligen; 16-tägige Grundausbildung, monatliche Wochenendübungen, ~40 Euro monatliche Aufwandsentschädigung
- Vorbild Finnland: Polens Reservekonzept orientiert sich am finnischen Modell – kleine Berufsarmee, große gut trainierte Reserve als Abschreckung
- Parteiübergreifender Konsens: Schon die nationalkonservative PiS-Regierung trieb die Aufrüstung voran; die liberale Nachfolgeregierung setzt den Kurs nahtlos fort
- USA-Abhängigkeit und Zweifel: Der Drohnenvorfall vom 10. September 2025 (19 russische Drohnen in polnischem Luftraum), Trumps Beschwichtigungen und die Demütigung Selenskyjs in Washington alarmieren polnische Sicherheitsexperten
- Balanceakt: Polen kauft weiter US-Rüstungsgüter (Patriot, HIMARS, Abrams, F-35), schließt aber gleichzeitig bilaterale Abkommen – u. a. einen Freundschaftsvertrag mit Frankreich (Mai 2025)
- Zivilgesellschaftliche Mobilisierung: Private Anbieter wie CCD (Conscious Civil Defense) bieten Kurse in Schießen, Erster Hilfe, Survival und Cybersicherheit an; Nachfrage steigt stetig
- Schule und Jugend: Seit 2022 steht Sicherheitstraining auf dem Lehrplan; ab Klasse 8 wird Schießunterricht wieder eingeführt; Premier Tusk kündigte an, dass ab 2026 jeder Mann an der Waffe ausgebildet werden soll
- Historisches Bewusstsein: Polen war im 18. Jahrhundert dreimal aufgeteilt und 123 Jahre von der Landkarte verschwunden; 1939 erneut besetzt – dieses „Schmerzgedächtnis" prägt die Risikowahrnehmung bis heute
- Flughafen Rzeszów-Jasionka: Knotenpunkt für Nachschublieferungen an die Ukraine, knapp 100 km von der Grenze entfernt; 2025 verlegte Trump US-Truppen von dort ins Landesinnere
Genannte Personen/Positionen
- Jens Beusen, Politikwissenschaftler und Militärhistoriker, Dozent an der Civitas-Universität Warschau (seit 14 Jahren in Polen): beschreibt Polens Aufrüstung als „positiven Militarismus", lobt den gesellschaftlichen Konsens, sieht Deutschland skeptisch hinsichtlich seiner tatsächlichen Leistungsfähigkeit
- Kai-Olaf Lang, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin: analysiert Polens Sonderbeziehung zu den USA, den sicherheitspolitischen Balanceakt zwischen Washington und Europa und den gesellschaftlichen Wandel hin zu gesamtstaatlicher Verteidigungsverantwortung
- Marcin Szuczynski, Brigadekommandeur der 11. Territorialen Heimatarmee Małopolska: schildert Aufbau und Alltag der Freiwilligenverbände; Veteran aus Irak- und Afghanistan-Einsätzen
- Kamil Jenec, Trainer bei CCD (Conscious Civil Defense): leitet zivile Schieß- und Sicherheitskurse
- Donald Tusk, polnischer Ministerpräsident: kontert Trumps Verharmlosung des Drohnenvorfalls; kündigt verpflichtende Waffenausbildung für Männer ab 2026 an
- Karol Nawrocki, polnischer Präsident: nimmt an der Militärparade zum Tag der polnischen Armee teil
- Wiesław Kukuła, Chef des polnischen Generalstabs: leitet die Parade
- Donald Trump, US-Präsident: stellt Ukraine-Unterstützung in Frage, verlegt Truppen aus Rzeszów, bezeichnet Drohnenvorfall als mögliches Versehen